Exodus 14,13-18 - Rätselhafte Verstockung Drucken
Sonntag, den 21. Juni 2009 um 15:11 Uhr
WasserstrudelLiebe Schwestern! Liebe Brüder!
„Und der Herr verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte.“ So steht es in Exodus 14 und so ähnlich lesen wir das immer wieder in der biblischen Beschreibung der Befreiung aus Ägypten. Heißt das, dass Gott selbst den Pharao uneinsichtig macht und er ihn dann später für seine Uneinsichtigkeit bestraft? Der Pharoa war nicht bereit, Israel gehen zu lassen und als Strafe dafür sterben alle Erstgeborenen in Ägypten und die Armee des Pharao kommt im Schilfmeer um.

Kann das sein? Das ist doch ungerecht! Warum verstockt Gott den Pharao und bestraft ihn dann für diese Verstockung? Warum stachelt Gott den Pharao zur Starrsinnigkeit an und ist dann gerade über diese Starrsinnigkeit so sauer? Was kann denn der Pharao dafür? Hat Gott wirklich so gehandelt, wie es im zweiten Mosebuch hier beschrieben wird?
Auch Klaus Douglass hat sich in seinem Buch „Expedition zum Ich“ mit diesem schwierigen Text beschäftigt. Für ihn ist klar, dass der Autor dieses Textes „etwas über das Ziel hinausgeschossen ist.“ (S. 106) Nach Douglass wollte der Autor zeigen, dass Gott der Herr der Geschichte ist, und er hat das halt bei der Beschreibung etwas übertrieben. Douglass glaubt nicht, dass Gott das Herz des Pharaos verstockt hat. Er ist überzeugt: „Die einzigen, die unser Herz verhärten, sind wir selbst.“ (S. 107)
Ich kann gut verstehen, dass solch ein Logiker und messerscharfer Denker wie Klaus Douglass mit diesem Text so seine Probleme hat. Und ich nehme ihm auch ab, dass er nicht einfach leichtfertig diese Aussage aus der Bibel streichen möchte, weil sie ihm nicht passt. Er ringt um ein richtiges Verständnis der Bibel und er hat auch gute Argumente, um so kritisch mit dieser Aussage zur Verstockung umzugehen. Ein Gott der Menschen verstockt und sie dann dafür bestraft, passt überhaupt nicht zu dem Gott, der sich in Jesus offenbart hat.
Letztendlich siegt bei Klaus Douglass die Logik: Er sagt sich, dass entweder Gott das Herz des Pharaos verstockt hat oder dass der Pharao selbst sein Herz verstockt hat. Bei dieser Alternative wählt er nun das scheinbar kleinere Übel: Der Pharao ist selbst schuld und nur er trägt damit die Verantwortung für all die schrecklichen Dinge, die den Ägyptern zugestoßen sind.
Aber wer sagt denn, dass wir immer alle logisch verstehen müssen und können? Wer sagt denn, dass wir in der Bibel alle Widersprüche auflösen müssen und können? Für mich ist das gerade der Punkt bei der Verstockung: Dass wir das eigentlich nicht verstehen können. Verstockung ist etwas rätselhaftes, das wir nicht so einfach logisch erklären und einsichtig machen können.
Was sagt denn die Bibel selbst zum Thema Verstockung? Das kommt ja nicht nur an dieser Stelle vor, sondern auch in anderen Texten.
Zunächst einmal zur Wortbedeutung: Was ist Verstockung eigentlich? Die Bibel gebraucht für den Zusammenhang verschiedene Worte. In Exodus 14 wird das Wort chasaq dafür verwendet. Das meint von der Grundbedeutung her: fest werden, fest sein oder verhärten. Schon vom Klang her wird diese Bedeutung untermalt. Das Verb beginnt mit dem offenen und dehnbaren ch und endet mit einem harten k-Laut.
Verstockung bedeutet also, dass etwas verhärtet, dass etwas, das an sich beweglich ist, fest und unbeweglich wird. Verhärtung ist ein Prozess. Ich stell mir das so vor, wie bei einer Zementmischung, die langsam trocknet. Der Beton wird immer zäher und fester. Und am Ende ist er steinhart und völlig unbeweglich.
In der Bibel wird das Wort Verstockung oft verbunden mit dem Herzen. Auch beim Pharao wird ja davon gesprochen, dass Gott das Herz des Pharaos verstockt. Damit ist nicht wie bei uns nur das Gefühlszentrum eines Menschen gemeint, sondern das Herz im biblischen Sinn ist das Personenzentrum des ganzen Menschen. Hier ist der Kern des Menschen mit seinem Willen, seinen Gedanken und seinen Gefühlen.
Verstockung des Herzens heißt dann, dass ein Mensch als ganzer hart und unbeweglich wird. Er ist nicht bereit zur Veränderung, er ist nicht bereit seine Meinung, seine Gefühle und seine Taten zu überdenken. Er ist hart geworden gegenüber den Meinungen, Gefühlen und Handlungen anderer. Und er ist v.a. hart und unempfänglich dafür geworden, was Gott ihm zu sagen hat.
Wie kommt es zu solch einer Verhärtung? Das interessante und zugleich schwierige in der Bibel ist, dass sowohl gesagt wird, dass Gott einen Menschen verstocken kann, als auch dass der Mensch sich selbst verstockt. Auch beim Pharao kommt beides vor. In Ex. 8,11 heißt es z.B.: „Als aber der Pharao merkte, daß er Luft gekriegt hatte, verhärtete er sein Herz und hörte nicht auf sie“ (so auch in Ex. 8,28). In unserer Stelle aus Ex. 14 und an anderen Stellen (z.B. Ex. 7,3) wird jedoch gesagt, dass Gott das Herz des Pharao verstockte.
Auch bei anderen Stellen gibt es unterschiedliche Erklärungen für die Ursache der Verstockung. In Jes. 6,10 bekommt z.B. Jesaja den Auftrag, die Herzen der Israeliten zu verstocken: „Verstocke das Herz dieses Volks und laß ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind.“ Jesaja tut das im Namen Gottes – hier ist es also auch Gott, der die Menschen verstockt. In 1. Sam. 6,6 dagegen fragt Gott die Menschen: „Warum verstockt ihr euer Herz, wie die Ägypter und der Pharao ihr Herz verstockten?“
Wer ist nun schuld an der Verstockung? Gott oder der Mensch? Die Bibel gibt hier keine pauschale Antwort. Sie macht keine eindeutige Aussage. Sie sagt nicht, dass nur Gott oder nur der Mensch schuld an der Verhärtung des Herzens ist. Es bleibt offen. Es bleibt rätselhaft, warum manchmal Menschen verstockt sind.
Irgendwie scheinen beide – sowohl Gott als auch der Mensch – ihren Teil zur Verstockung beizutragen. Dieses Ineinander können wir aber nicht logisch auseinander rechnen und nicht fein säuberlich trennen, wer denn nun was bewirkt.
Als bildlicher Vergleich für dieses Thema ist mir ein Wasserstrudel eingefallen. Wenn ein Mensch in solch einem Wasserstrudel ertrinkt, wer ist dann schuld? Das hängt natürlich von vielen verschiedenen Faktoren ab: Von der Stärke des Strudels, davon, ob die Person weiß, dass sich ein Strudel in der Nähe befindet, davon, wie gut eine Person schwimmen kann, und noch manch andere Dinge.
WasserstrudelVerstockung stelle ich mir ungefähr so vor: Da kommt ein Mann an den Strand und will baden. Er sieht jedoch ein Schild: Vorsicht! Gefährliche Meeresströmungen! Er schaut sich das Meer an und es sieht eigentlich ganz ruhig und harmlos aus. Dann badet er ein bisschen in Strandnähe und er bemerkt keine ungewöhnlichen Strömungen.
Er schwimmt ein wenig weiter raus und stellt dann doch fest, dass sich das Wasser an manchen Stellen kreisförmig dreht. Vorsichtig schwimmt er an den Rand dieses Strudels und lässt sich ein wenig treiben. Natürlich lässt er sich nicht einfach hinein ziehen, sondern er schwimmt gleich wieder aus der Strömung heraus. Der Mann denkt sich: „Naja, so gefährlich scheint es ja doch nicht zu sein. Ich kann gut genug schwimmen, um gleich wieder heraus zu kommen.
Und so traut er sich immer ein bisschen weiter raus und schwimmt dann wieder zurück in Sicherheit. Doch irgendwann kommt er an den Punkt, wo zum einen seine Kräfte nachlassen und zum anderen die Strömung unerwartet stark wird. Er mobilisiert seine letzten Kraftreserven, aber so sehr er sich auch anstrengt, er wird tiefer und tiefer in den Strudel hinein gezogen. Am Ende ertrinkt er.
Wie ist es nun zu diesem Unglück gekommen? Wer ist verantwortlich? Natürlich trägt dieser Mann selbst die Verantwortung für sein leichtsinniges Handeln. Er hätte der Gefahr von Anfang an aus dem Weg gehen sollen. Aber auf der anderen Seite ist letztendlich der Wasserstrudel schuld daran, dass der Mann ertrunken ist. Wenn der Strudel nicht da gewesen wäre, wäre der Mann auch nicht ertrunken.
Ein Stück weit kann man die Verstockung des Herzens mit solch einem Wasserstrudel vergleichen. Verstockung ist für mich der Punkt, an dem man merkt, dass man aus eigener Kraft nicht mehr heraus kommt. Selbst wenn man es wirklich will, so wird man doch von der Strömung nach unten gezogen.
Ich denke, auch der Pharao hatte von Gott die Chance bekommen zurück zu schwimmen, er war nicht von unveränderlichen Schicksalsmächten dazu gezwungen so zu handeln. Aber er wollte nicht. Und irgendwann konnte er auch nicht mehr. Irgendwann hat Gott gesagt: „Okay, wenn du nicht willst, dann lasse ich dir dein verstocktes Herz, dann wird dein Herz härter und härter werden.“
Und so ist beides richtig: Gott hat das Herz des Pharaos verstockt, aber zugleich hat auch der Pharao selbst sein Herz verstockt. Das rätselhafte bei der Verstockung ist gerade, dass wir nicht genau feststellen können, wer denn jetzt wie viel Anteil an der Verstockung trägt. Wir können nicht fein säuberlich trennen und sagen: So viel Schuld trägt der Pharao selbst und soviel hat Gott zur Verstockung beigetragen.
Ich denke vergleichbare Erfahrungen von Verstockung machen wir alle. Nicht unbedingt in solcher Heftigkeit und mit solch dramatischen Folgen. Aber in manchen Bereichen sind auch unsere Herzen verstockt. Da gibt es vielleicht manche Verhaltensweisen, die uns anfänglich gar nicht so schlimm vorkommen und die wir doch eigentlich gut im Griff haben.
Wie ist das z.B. mit der Gewohnheit regelmäßig Bibel zu lesen und zu beten? Oder mit der Gewohnheit regelmäßig in den Gottesdienst zu gehen? Wir wissen, dass uns das eigentlich gut tut. Wir wollen das eigentlich tun – nicht aus Zwang, sondern weil wir unsere Beziehung zu Gott pflegen und lebendig erhalten wollen. Aber dann kommt mal Dieses und mal Jenes dazwischen. Und wir denken: „Naja, einmal ausfallen lassen ist ja nicht so schlimm! Ich bin ja kein gesetzlicher Christ, sondern lebe in der Freiheit der Kinder Gottes.“
Aber dann kommt es vielleicht noch mal vor, dass wir einfach keine Zeit zum Beten haben, oder dass wir uns nicht danach fühlen, oder dass wir zu abgelenkt und unruhig sind. Dann kann es irgendwann sein, dass die Gewohnheit nicht Bibel zu lesen, nicht zu beten oder nicht in den Gottesdienst zu gehen sich verhärtet. Und wir merken: Es wird immer schwieriger, aus dieser Gewohnheit heraus zu kommen.
Dasselbe lässt sich auf viele andere Bereiche unseres Lebens anwenden. Z.B. auf die Gewohnheit, über andere zu reden und zu lästern, auf die Gewohnheit, zu viel Zeit vor dem Fernseher oder Computer zu verbringen, auf die Gewohnheit, lieblos mit seiner Familie umzugehen, auf die Gewohnheit, immer wieder mal einen über den Durst zu trinken, und noch vieles mehr...
Hier kann es überall zu solch einer Verstockung im Kleinen kommen: Ein Strudel, der uns zunächst recht ungefährlich erscheint, der uns aber immer weiter von Gott wegziehen möchte. Am Anfang denken wir: Natürlich kann ich diese Gewohnheit wieder ändern und in diesem Bereich wirklich nach Gottes Willen leben. Aber je länger sich der Strudel dreht, um so schwieriger wird es, wieder heraus zu kommen. Und irgendwann ist die Verstockung, die Verhärtung da: Dann kommen wir aus eigener Kraft gar nicht mehr heraus.
Aber auch hier gibt uns die Bibel Hoffnung. Auch im Neuen Testament wird von Verstockung gesprochen. Und diese Verhärtung des Herzen kann sogar die treuesten Jünger Jesu treffen. In Mk. 6,52 lesen wir folgendes: „Sie [damit sind die Jünger Jesu gemeint] waren um nichts verständiger geworden angesichts der Brote, sondern ihr Herz war verhärtet.“ Sogar die zwölf Jünger, die mit Jesus lebten und mit ihm unterwegs waren, die selbst die wunderbare Brotvermehrung und viele andere Dinge miterlebt hatten – selbst dieses Jünger hatten ein verhärtetes Herz.
Das wundervolle ist, dass gerade diese Jünger später Jesus als den Messias erkannt haben. Gerade diese Jünger wurden die Kernzelle der Gemeinde, gerade sie trugen dazu bei, dass der christliche Glaube sich über die ganze Welt verbreitet hat. Auch wenn unser Herz verhärtet ist, auch wenn wir im Strudel stecken und aus eigener Kraft nicht mehr heraus schwimmen können, auch dann hat Gott noch Möglichkeiten uns zu retten.
Verstockung ist und bleibt immer etwas rätselhaftes, etwas das wir nicht wirklich erklären können, etwas das tragisch und unverständlich ist. Natürlich tragen wir Menschen selbst Schuld: Wir verhärten gegenüber Gott immer wieder unser Herz. Wir müssen uns deshalb immer wieder fragen: Will ich wirklich auf Gottes Wort hören? Will ich wirklich mit ihm leben? Und was kann ich tun, um diesen Wasserstrudeln auszuweichen, die mich von Gott wegziehen möchten?
Neben unserer menschlichen Verantwortung ist Gott derjenige, der uns in diese Verstockung dahin geben kann. Er ist derjenige, der uns im Strudel der Verstockung treiben lassen kann. Er ist aber auch derjenige, der uns aus dem Strudel heraus reißen kann, der unsere Herzen wieder weich machen kann. Er kann schenken, dass auch verstockte Herzen den Messias erkennen können. Neben all unseren menschlichen Bemühungen dürfen wir ihn gerade darum bitten: Herr, mach du mein hartes Herz weich.
Amen

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Foto: chrionny / pixelio.de